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Leseprobe
Die ersten drei Seiten des Prologs, sowie das erste Kapitel aus dem Roman:
»Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln«
Prolog
Ich bin zwischen Vorsuppe und Hauptgericht geboren. Es ist elf Uhr vormittags, ein Sonntag im Januar 1958 und es
schneit, dass man seine Hand nicht vor Augen sehen kann. Die Wehen haben eingesetzt und meine Mutter Elsa ist wegen
mir, aber hauptsächlich wegen des unpünktlichen Mittagessens, völlig
am Ende. Die wichtigste Mahlzeit der Woche nicht pünktlich auf den
Tisch zu bringen, ist ihrer Meinung nach eines der schlimmsten Vergehen,
die eine gute Ehefrau ihrem Mann antun kann.
»Na, was für ein Glück. Ein Bengel am Sonntagmittag und ausgerechnet
von Dem-da«, murmelt meine Großmutter Mimi unten in ihrer
Küche vor sich hin, als sie von oben das Stöhnen meiner Mutter aus
unserer Einliegerwohnung vernimmt. Oma Mimi lebt nämlich nur noch kurze Zeit mit der Überzeugung,
dass Der-da auch noch so ein Glück hat, dass ich als Sohn von
Dem-da das Licht der Welt erblicken werde. Der-da ist mein Vater. Mimi nennt Den-da, der ansonsten von allen Hugo gerufen wird,
insgeheim den größten Furunkel am Arsch der Familie. Doch vor
anderen Leuten sagt sie das nie. Das traut sie sich nun doch nicht.
Obwohl sie sonst äußerst mutig ist, was ihre Taten in späteren Jahren
noch beweisen werden, aber bis dahin hat er den Namen Der-da weg.
Gleich, nachdem meine Mutter ihn angeschleppt und vorgestellt hat.
Sie kann Den-da, aufgeblasen wie er ist, nun mal nicht leiden. Punkt.
Ein für alle mal.
Sonntagmittags in unserer Siedlung: Zuerst die Vorsuppe, dann das Hauptgericht und anschließend
der Nachtisch. Und das immer pünktlich um 12 Uhr. Genauso, wie
bei den Nachbarn. Links die Dietrichs, Ausgebombte aus Berlin,
rechts die Strothmanns, Hiesige.
Unsere Vorsuppe ist immer dieselbe, solange ich denken kann. Sie
besteht aus der Brühe eines stundenlang gekochten Huhnes, angereichert
mit Muschelnudeln, Suppengemüse und Eierstich. Eine gute
Hochzeitssuppe eben, auf der die Fettaugen schwimmen. Anschließend das Hauptgericht. Ein großer Batzen Fleisch mit je-
der Menge Soße, auf der sich ebenfalls die begehrten Fettaugen ein
Stell-dichein geben. Das ehemals gute Stück Fleisch, allerdings auf dem Kohleherd
zerkocht und beim bloßen Anblick in seine Einzelteile zerfallend,
befindet sich sonntags auf den Tellern der ausgehungerten
Nachkriegsgeneration; stets in trauter Gemeinschaft mit dem eingeweckten
Sommergemüse und den eingelagerten Kellerkartoffeln. Zum krönenden Abschluss gibt es immer den Nachtisch. Im
Sommer frisch geerntetes Obst, oft glitschig gekochten Rhabarber
oder Erdbeeren mit Schlagsahne, im Winter meist Wackelpudding
mit Vanillesauce. So, wie heute.
Ich habe derweil keine Lust mehr. Weder auf die immer enger werdende
Höhle, noch auf die Vorsuppe, das zerkochte Fleisch und den
ganzen Kram, und melde mich mit heftigen Wehen an. Meiner Mutter Elisabeth, genannt Elsa, geht es schon den ganzen
Vormittag nicht gut. Dass es bald soweit sein wird, hat sie bereits
heute Morgen beim Aufstehen gespürt. Aber muss es denn so schnell
sein? In diesem Tempo? Sie schnippelt wie besessen den Lauch für die Vorsuppe, doch
plötzlich stöhnt sie laut auf. »Ah! Himmel, das Essen ist noch nicht
fertig und nun kommt er schon!« Meine fünfjährige Stiefschwester Lilly hockt in der einen Ecke der
Küche auf dem Fußboden und wendet erschrocken den Blick zu unserer
Mutter. Ihre kleinen Hände werden augenblicklich schweißnass
und kneten aufgeregt die Kleider ihrer Puppe Käthe, der sie gerade
die Haare gebürstet hat. Während Lilly mit großen Augen zu Elsa aufschaut, beginnt sie zu
wimmern. »Mama, was hast du denn?«
Elsa krümmt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen, holt
tief Luft und presst zwischen ihren Zähnen heraus: »Geh du mal
lieber runter zur Oma, ich glaub der Storch kommt uns besuchen.«
[...]
Erster Teil (1962 - 1967)
I
Heute ist alles irgendwie anders. Anders als sonst. Obwohl heute
Sonntag ist, und Sonntag ist eigentlich ein schöner Tag. Ich sitze bei Mama in der Küche und schaue zu, wie sie das
Fleisch weich klopft. Bei jedem lauten Bumm mit dem Fleischklopfer
blinzle und zucke ich mit den Augen. Ich will nicht blinzeln und zwinge mich, die Augen offen zu
halten, aber es gelingt mir nicht. Nicht ein einziges Mal, obwohl ich
angestrengt beide Lider mit Daumen und Zeigefingern festhalte.
Oma Mimi sagt, Sonntagskinder haben Glück, weil sie an einem heiligen
Tag geboren sind. Warum der Sonntag heilig ist, weiß ich nicht.
Ich weiß nur, dass Mama dann immer eine weiße, gestärkte Schürze
trägt. Das finde ich schön. Mama sieht darin ein bisschen aus wie ein
Engel, weil die Träger der Schürze eine gewellte Spitze haben, die
über ihre Schultern hinausragen.
In der Woche gehen wir nie spazieren, nur sonntags, nach dem Mit-
tagsschlaf. Zum Spaziergang werden mir die guten, weißen Wollstrümpfe
bis zu den Oberschenkeln hochgezogen. Das Hochziehen
der langen Strümpfe tut mir weh, weil sie so eng sind und mich die
Strumpfhalter des Leibchens in die Haut kneifen. Aber Mama muss
schnell machen. Papa fragt dann immer, »noch nicht fertig?!«, und Mama antwortet
immer, »doch, doch, gleich!« »Los jetzt, aber dalli! Warum seid ihr immer solche Transusen?
Weiber, lahmes Gesocks!«, brüllt er und knallt mit der Tür, und ich
frage mich jedes Mal, was ihn an Mamas Antwort so wütend macht. Zu den langen Strümpfen trage ich schwarze Lackschuhe mit
Schnallen. Darüber ein von Mama selbst geschneidertes, königsblaues
Kleid mit roter Litze und weißem Kragen. Meine Schwester Lilly trägt
genau das gleiche, nur größer, weil sie fünf Jahre älter ist.
Mein Mantel hat eine Kapuze und ein Pepitamuster.
Das beigeweiße Muster finde ich langweilig, aber sonst finde ich den Mantel
schön, weil er nicht kratzt und mich alle darin bewundern. Sie sagen,
ich sei ein hübsches, kleines Ding mit hellblonden Zöpfen und tief-
blauen Augen, deren Farbe sich in den Aquamarin-Ohrringen widerspiegelt,
die sich meine Mutter vom Munde abgespart hat. Lilly hat dunkles Haar, grüne Augen mit braunen Sprenkeln, und
trägt rote Korallen-Ohrringe, die ich eigentlich viel hübscher finde,
weil ich Rot so mag. Zum Mantel muss ich weiße Handschuhe tragen, die meine Finger
einklemmen und die ich hasse, weil ich es nie schaffe, sie alleine
anzuziehen. Beim Überstülpen der einzelnen Fingerlinge muss mir meine
Schwester helfen, da ich ständig mit dem Kleinen- und dem Ringfinger
in ein und demselben Loch lande. Dabei wird Lilly immer ungeduldiger.
Das merke ich genau, weil sie mir dann die Zunge heraus-
streckt. »Bäh, nun los«, sagt sie. »Pieks richtig ein, sonst wird Papa wütend.« »Selber«, sage ich, »pieks doch selber richtig ein«, und strecke ihr
auch die Zunge heraus. Zum Schluss bekomme ich noch zwei große Taftschleifen in meine
Zöpfe gebunden, die mich bei jeder Bewegung heftig am Hals
pieksen. Wenn die Schleifen dran sind, halte ich den Kopf möglichst
steif, damit sich die Taftbänder nicht so oft bewegen. Weil mich Mama mit Lillys Hilfe zuerst ankleidet, bin ich immer
als erste fertig, und darf schon mal hinaus gehen zum Spielen. »Pass aber auf, Wiebke, mach dich nicht schmutzig«, ermahnt
mich Mama. Das ist leichter gesagt, als getan. Wie soll ich spielen, wenn ich
mich nicht bewegen kann und schon mal gar nicht darf? So stehe ich am Straßenrand an die Ligusterhecke gelehnt, dort,
wo nur wenige Pfützen sind. Abwartend halte ich meine Hände auf
dem Rücken verschränkt und schaue mit gesenktem Kopf den anderen
Kindern beim Spielen zu. Ich werde ganz kribbelig und bin neidisch.
Die anderen haben es gut. Die sind nicht so herausgeputzt und
jagen lärmend einem Ball hinterher. Ich finde es zwar schön, wenn
Mama mich fein macht, aber viel lieber würde ich mitspielen.
»Da! Fang auf!«, schreit die dicke Silvie, die zwei Jahre älter ist als ich,
mich andauernd ärgert, und manchmal haut, und an der Ecke wohnt. Vor Silvie habe ich Angst, denn die ist gemein, grob und frech.
Nicht nur zu mir, sondern auch zu den anderen Kindern. Aber zu
mir besonders. Ich habe keine Ahnung, warum. Ständig ärgert und
haut sie mich zuerst, bevor sie auf die anderen losgeht. Dabei wird sie
knallrot im Gesicht, und es läuft ihr immer grüngelber Rotz aus der
Nase, und nie hat sie ein Taschentuch dabei, und ihre vielen
Geschwister auch nicht. »Pack und dahergelaufenes Gesindel sind die«, sagt Mama. »Dre-
ckiges Pack, alle miteinander.« Silvie lächelt böse, zielt auf mich und schmeißt mir mit Schwung
den dreckigen Ball entgegen. Ich drehe mich und springe zur Seite,
schaffe es aber nicht rechtzeitig. Plopp! Der Ball trifft mich an meiner
rechten Bauchseite und hinterlässt einen hässlichen Matschfleck auf
dem Pepitamuster. »Hä, hä, hä! Guckt sie euch an, die feine Dame Wiebke, tätätäteh«,
äfft Silvie. Dabei wackelt sie gestelzt hin und her, spreizt die Finger ihrer
rechten Hand und tut so, als ob eine Handtasche daran baumelt. Mit
der linken deutet sie auf mich und streckt lachend den Zeigefinger
aus. Alle Kinder starren mich an. Erschrocken schaue ich an mir herunter. Dabei stelle ich fest, dass
mein Sprung zur Seite nicht sonderlich klug gewesen war. Ich bin
nämlich mitten in einer großen Pfütze gelandet, und meine
Lackschuhe sind pitschnass, ebenso meine Strümpfe. Herrjeh, die Strümpfe,
wie sehen die bloß aus?! Sie sind nicht mehr weiß, sondern bis zu
den Waden graubraun durchnässt, und darüber prangen schwarze
Matschsprenkel bis an den Saum des Mantels, der mir bis zu den
Knien reicht.
Unter Silvies Hohngelächter wate ich aus der Pfütze und gehe in
die Hocke. Mit meinen behandschuhten Händen rubbele ich an meinen
Lackschuhen herum. Eigentlich weiß ich genau, dass sie nicht
mehr zu retten sind, und die Strümpfe schon mal gar nicht, doch die
anderen Kinder sollen mein Gesicht nicht sehen. Ich schäme mich,
will aber nicht weinen, und schon mal gar nicht vor der Silvie. Trotzdem
steigen mir Tränen in die Augen, denn ich ahne, dass die Strafe
die mich zuhause erwartet, noch einen Zacken schlimmer sein wird,
als Silvies hämisches Gelächter. Ich springe auf, renne ins Haus und laufe zuerst in die untere
Küche zu Oma Mimi. Oma ist bei solchen Malheurs stets meine Retterin in der Not. Oft
stopft sie mir rasch die aufgerissenen Strümpfe oder Röcke, damit
Mama das nicht gleich mitbekommt. Meine Strümpfe sind öfter zerrissen als Lillys, weil ich so ein
wildes Mädchen bin, an der ein Bengel verloren gegangen ist. Das sagen
alle. Doch nun guckt mich Oma mitleidig an. »Tja, da lässt sich wohl nichts mehr machen«, sagt sie und zuckt
bedauernd mit den Schultern. »Was versaut ist, bleibt versaut. Lauf
zur Mama, wird schon nicht so schlimm werden. Kopf hoch, meine
Kleine.« Mit Angst im Bauch schleiche ich leise die Treppen hinauf. Oben
angekommen, sieht mich Mama zuerst nicht an, weil sie auf dem
weißen Plüschhocker vor dem aufgeklappten Spiegel ihres Frisiertisches
sitzt und dabei ist, ihre Lippen anzumalen. Anschließend
nimmt sie das Wimperntuschkästchen zur Hand, spuckt auf die
schwarze Farbkassette und schubbert mit einem kleinen Bürstchen
darauf herum. Gespannt beobachte ich, wie sie beim Tuschen den
Kopf nach hinten neigt, die Brauen hoch und die Mundwinkel nach
unten zieht, und schnell und geschickt die Härchen an den Augen
bearbeitet, die mit jedem Strich länger und länger werden. Und das
alles ohne zu blinzeln - das könnte ich nie!
Ich bleibe dicht neben Mama stehen, schaue ihr eine Weile
bewundernd zu und berühre nebenbei ehrfürchtig den Lippenstift in
der goldfarbenen Hülle. Mama entdeckt mich im Spiegel und lächelt mich an, doch plötz-
lich lässt sie die Bürste sinken und starrt entsetzt auf meine verdreck-
ten Handschuhe. »Was, um Himmels willen hast du …«, fängt sie an, bricht aber ab,
als sie sich zu mir umdreht und mich entgeistert von oben bis unten
mustert. Mama schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Oh Gott,
oh Gott, das darf doch nicht wahr sein! Was habe ich dir gesagt? Na
was, hä?« Dabei zieht sie mich an den Ohren in die Küche bis zum Wasch-
tisch hinter sich her. Ich beginne zu heulen. Weinend versuche ich Mama zu erklären,
warum ich so aussehe, und dass das Dreckig-gesindelte-Pack daran
schuld ist, und dass da eine Pfütze war, obwohl ich ganz nah an der
Hecke stand, da, wo wenig Pfützen sind, aber sie hört mir einfach
nicht zu. »Kaum lässt man dich aus den Augen und schon bist du verdreckt
wie ein Ferkel! Du wirst nie ein feines Mädchen, nee, das wirst du
nicht. Nie im Leben! Du bist eher wie ein Bengel!« Dann zerrt sie mir die Sachen vom Leib, und wäscht mir mit dem
rosa Seifenlappen das tränenverschmierte Gesicht und die kalten
Füße. Jetzt muss ich noch mehr weinen, weil die Seife in den Augen
brennt. »Flenn hier nicht herum! Bist selbst schuld und zu spät dran sind
wir auch noch. Da wird dein Papa aber ein Donnerwetter loslassen«,
schimpft Mama und holt saubere Strümpfe aus dem Schrank. Mit hängendem Kopf lasse ich die Prozedur über mich ergehen
und schiele dabei schluchzend zu Lilly, die fertig angezogen in der
Küche steht und immer noch sauber ist. Lilly sucht hinter Mamas
Rücken meinen Blick, hebt für mich mit ihren Fingern das eigene
Kinn nach oben, zieht den rechten Mundwinkel in die Breite und
verdreht die Augen. Das sieht lustig aus und trotz meiner kullernden
Tränen muss ich kichern. »Lachen auch noch! Das wird dir schon noch vergehen«, keift
Mama und knallt mir eine, dass es nur so scheppert. Jetzt fange ich laut an zu brüllen, weil das mächtig weh tut und
weil ich das alles ungerecht finde. Papa wird durch den Lärm herbei gelockt und Mama sagt wütend,
»guck sie dir an! Saut sich ein wie ein Bengel, ist frech wie ein Bengel
und grinst auch noch so!« Ich fürchte, jetzt kriege ich von ihm auch noch eine geschmiert
und schaue ängstlich in seine Richtung, doch Papa grinst nur. »Seht zu, ihr Knalltüten, dass ihr fertig werdet. Ich will zum
Kaffeetrinken wieder zuhause sein«, sagt er und trollt sich wieder. »Na, da hast du ja noch mal Schwein gehabt«, sagt Mama und
zieht mir meine roten Alltagsschuhe an, in denen ich viel besser laufen
kann, als in den Lackschuhen. Meine Schultern wackeln zwar immer noch vom Schluchzen, aber
nach und nach beruhige ich mich wieder. Jetzt ist es vorbei. Die Strafe
habe ich hinter mir, obwohl eigentlich die dicke Silvie Schuld hat.
Aber das will hier sowieso keiner wissen. Hier hat nur eine Schuld,
und das bin ich, und damit basta.
Mama zieht zu jedem Spaziergang ihre schwarzen Nahtstrümpfe an.
Auf die passt sie höllisch auf und wehe, die Naht sitzt schief, oder
eine Laufmasche ist zu sehen. Das wird nämlich teuer, weil sie die
Dinger dann zum Kunststopfen geben muss. Deshalb darf ich sonntags
nicht so dicht neben Mama gehen, weil sie Angst hat, dass sie mit
ihren empfindlichen Wildlederpumps über mich stolpert, oder dass
ich sie aus Versehen trete, weil ich ja immer so wild bin, und immer
herum springen muss, und gar nicht anständig wie ein feines Mädchen
gehen kann. »Pass bloß auf, Wiebke. Sonst sind sie hin und dann haben wir
den Salat!«
»Was für’n Salat?«, frage ich daraufhin, weil ich nicht weiß, was
Mama damit meint, doch ich kriege nie eine Antwort. »Hugo?«, fragt Mama jedes Mal und trippelt, kaum aus der
Haustür, ein paar Schritte vor Papa her. »Hugo, sitzt meine Naht noch
gerade?« Entweder antwortet Papa dann »jau« und sie trippelt gutgelaunt
weiter, oder er sagt, »links hinten –«, oder, »rechts hinten ist eine
Kurve.« Dann bückt sich Mama erschrocken, guckt zwischen ihren Beinen
hindurch und versucht, ihre Naht gerade zu ziehen. Das passiert sonntags so oft, wie ich Finger an einer Hand habe,
und Lilly und ich müssen dann immer heimlich kichern, weil Mama
immer wieder fragt und weil das Bücken so komisch aussieht. Manchmal behauptet Papa auch, die Naht hat eine Kurve, obwohl
sie richtig sitzt. Dann bückt sich Mama und wir müssen alle laut
lachen. Außer Mama.
Doch heute werden wir nicht spazieren gehen, und auch nicht lachen.
Das weiß ich zwar jetzt noch nicht, wundere mich aber, dass Mama
so still ist. Es ist merkwürdig, dass sie nicht mit mir spricht, mich weder
etwas fragt, noch antwortet, sondern immer heftiger auf das Fleisch
eindrischt. Hin und wieder hebt sie lauschend den Kopf und blickt
besorgt zur Tür. Dann seufzt sie, wendet sich wieder dem Fleisch zu
und schlägt erneut darauf ein. Die Kotelettscheiben sind schon ganz
dünn, der Saft längst herausgespritzt, die Knochen zertrümmert, aber
sie hämmert immer noch wie verrückt darauf herum. Gerade, als ich sie fragen will, warum sie so gar nichts sagt und
immer doller das Fleisch verhaut, obwohl es doch schon längst tot ist,
höre ich Papa, wie er polternd die Treppe herauf kommt. Mit einem
Ruck reißt er die Tür auf, bleibt im Türrahmen stehen und stiert uns
an. Mama zuckt zusammen, hält inne und guckt starr auf das Fleisch.
Ich schaue von einem zum anderen. In meiner Brust beginnt es zu
hämmern. Papa verharrt auf der Schwelle, hält sich am Türgriff fest und
schaukelt dabei so seltsam hin und her. Plötzlich, mit einem Satz, schießt er nach vorn und zischt mit
tiefer, drohender Stimme: »ist das Essen immer noch nicht fertig?« Dabei spritzt ihm Spucke aus dem Mund und er haut mit beiden
Händen auf die Tischkante. Sein Gesicht ist ganz nah an Mamas und
er schnauft so eigenartig. »Kind«, sagt Mama mit zitternder Stimme, »geh bitte schnell zu
Lilly in die Stube.« Doch ich bleibe wie erstarrt auf dem Stuhl sitzen. Von einer Se-
kunde zur nächsten bekomme ich Angst. Angst vor Papa, Angst um
Mama und Angst vor dem, was gleich passieren wird … Mamas Stimme wird eindringlicher. »Nun los, Wiebke. Tue, was
ich dir sage!« Ich will gehorchen, aber meine Beine bewegen sich nicht. Ich
möchte herunter vom Stuhl, aber es will mir einfach nicht gelingen.
In meinem Kopf rattert es und mir wird mit einem Mal ganz
schwindelig. So habe ich Papa noch nie erlebt! Meine Finger halten immer noch meine Lider fest, obwohl das
Fleischklopfen längst aufgehört hat, aber ich gucke nicht mehr auf die
Koteletts, sondern nur noch zu Papa. »Du verdammtes Deiat«, zischt er zwischen den Zähnen hervor
und schubst Mama heftig gegen den Tisch. »Nein, bitte nicht!«, schreit Mama und hebt die Hände vors Ge-
sicht. Papa fängt an zu brüllen. »Wie oft hab ich dir gesagt, dass das Es-
sen pünktlich auf dem Tisch stehen soll, hä? Wie oft, hä?! Du Mistvieh, du!« Er boxt Mama in die Richtung des Herdes und sie landet mit
voller Wucht auf der heißen Platte. Dabei stößt sie krachend den Suppentopf
um und schreit vor Schmerz laut auf.
»Mama«, flüstere ich, doch sie hört mich nicht, sondern geht
stöhnend in die Knie. »Mama, Mama«, weine ich mit festgehaltenen Lidern und unbe-
weglichen Beinen, die wie festgenagelt den Stuhl umklammern. »Mama, was ist?« Endlich scheint sie mich zu hören, rappelt sich auf, dreht sich zu
Papa und fleht schluchzend, »bitte nicht vor dem Kind.« »Ist mir scheißegal!«, brüllt Papa und schmettert Mama die Faust
mitten ins Gesicht. Mama taumelt. Aus ihrer Nase spritzt Blut. »Nein, nicht!«, schreie ich laut weinend. »Hör auf, Papa!« Doch er hört nicht auf mich, sondern packt mich grob am Arm,
zerrt mich vom Stuhl und schubst mich in die Stube. »Da bleibst du drin, du Göre!« Dann knallt er die Tür zu. Ich will die Tür wieder aufreißen, doch Papa drückt dagegen und
dreht den Schlüssel im Schloss herum. Ich beginne laut zu schreien. Mein ganzer Körper schüttelt sich, obwohl ich es nicht will, aber
ich kann es nicht abstellen. Ich hämmere, so fest ich kann, mit meinen
Fäusten gegen die Tür. Hinter meiner Stirn beginnt es zu dröhnen
und das Geräusch wird bedrohlich lauter. Das ist mir unheimlich,
ich will es loswerden! Mein Kopf schleudert hin und her, mir fliegen
die Zöpfe um die Ohren und die Haarspangen landen schmerzhaft
auf meinen Schultern - hört mich denn niemand? »Mama, Mama! Mach auf, mach auf!«, rufe ich, so laut ich kann,
doch weder Mama, noch sonst jemand scheint mich wahrzunehmen. Verzweifelt bewege ich den Türgriff rauf und runter, der dabei
laut vor sich hin rappelt. Zwischendrin höre ich Gepolter und nach
jedem Klatschen den Aufschrei meiner Mutter. Aus der Ferne dringt Oma Mimis Stimme zu uns herauf. »Um
Himmels willen! Was ist denn da oben los?!« »Halt dich da raus!«, brüllt Papa. »Geht dich nichts an! Ist eine
Familienangelegenheit, verstanden?!«
Ich wende mich hilfesuchend um. Lilly sitzt am Nierentisch, über ihre Malutensilien gebeugt, hält
sich die Ohren zu und zuckt hilflos mit den Schultern. »Kenne ich schon«, sagt sie tonlos. »Heute Abend vertragen sie
sich wieder.« »Wa-ha-has?«, frage ich und kann nicht mit dem Schütteln
aufhören. »Warum machen die das? Was hab ich denn falsch gemacht? Was
haben wir denn gemacht?!« Lilly hebt langsam den Kopf. Ihr Blick flackert und wandert zum
Fenster. »Weiß nicht. Machen die öfter. Mach dir nichts draus. Gibt
sich wieder.« Ich sinke bibbernd auf den Stragula. Meine Zähne klappern
aufeinander, obwohl mir gar nicht kalt ist. Lillys Kopf wandert zu mir, doch sie scheint mich gar nicht zu
sehen. Dann presst sie fest die Lippen aufeinander. Auch sie hat Angst, das spüre ich. Doch sie lässt sich nichts an-
merken. Nicht vor mir. Nach einem kurzen Nicken neigt sie erneut den Kopf und malt
einfach weiter. Ganz so, als sei nichts geschehen. Ich gucke auf Lillys Hände. Mit der linken schirmt sie die Augen
ab. Die Finger der rechten halten zitternd einen schwarzen Wachsmalstift,
der große Kreise zieht. Lillys Hand zittert mehr und mehr,
schwingt aber immer weiter. Langsam stehe ich auf, recke den Hals und starre auf das Blatt.
Kaum ein weißer Fleck ist noch zu sehen. Zack, der Wachsmalstift bricht. Ich zucke zusammen, doch Lilly
blickt noch nicht einmal auf, sondern ergreift mit der Faust sofort das
größere Ende. Die Geräusche im Hintergrund erreichen mich kaum noch, drin-
gen zu mir, wie durch eine Wattewand. Ich vernehme nur noch das
Schaben der Wachsmalkreide. Wie gebannt schaue ich auf den Stift,
der unentwegt weiter schwingt. Schwarze Kreise, die immer kräftiger
und voller werden. Immer und immer weiter. Kreis um Kreis. Binnen weniger Minuten ist das Blatt vollständig ausgemalt.